Warum das Lesen gedruckter Bücher von einigen Fachleuten aus dem Gesundheitswesen als Weg zur Gesundheit empfohlen wird.
Gedruckte Bücher können vieles bieten: Wissen, Unterhaltung, Ratschläge, Bildung und sogar eine schöne Kulisse für ein Videogespräch. Doch immer mehr Menschen wird von ihrem Arzt oder Therapeuten das Lesen eines Buches als „Medikament“ zur Heilung verschiedener psychischer und körperlicher Gesundheitsprobleme verschrieben.
Ob es sich nun um Krankenhausbibliotheken in Frankreich oder um Leseprogramme im Vereinigten Königreich handelt – die Bibliotherapie, also der therapeutische Einsatz des Lesens, erlebt derzeit eine Renaissance und trägt dazu bei, Schmerzen zu lindern und die Genesung zu fördern. Die Bibliotherapie, deren Ursprünge in griechischen und römischen Heilmethoden liegen, wurde während des Ersten Weltkriegs eingesetzt, als der „Library War Service“ Bibliothekare in Militärkrankenhäusern stationierte, und erlebt nun eine Wiederbelebung.
Lesen zur Heilung
Das „Reading Well“-Programm ist ein britisches Programm zur Verschreibung von Büchern, das Menschen dabei hilft, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden mithilfe empfohlener Lektüre besser zu verstehen und zu steuern. Es wird über öffentliche Bibliotheken angeboten, von der Organisation „The Reading Agency“ durchgeführt und ermöglicht es Fachkräften im Gesundheitswesen, bestimmte Selbsthilfebücher für häufige psychische Erkrankungen wie Angstzustände, Depressionen, Phobien und Selbstverletzung zu empfehlen.
Das Programm wird von bedeutenden Gesundheitsorganisationen wie dem Royal College of General Practitioners, dem Royal College of Psychiatrists und dem NHS England unterstützt und bietet Buchempfehlungen von Fachkräften aus dem Gesundheitswesen sowie von Menschen mit eigener Erfahrung. So wird sichergestellt, dass die Bücher evidenzbasierte Informationen enthalten, die direkt auf ihre Gesundheitsprobleme eingehen. Seit 2013 wurden über 4,3 Millionen „Reading Well“-Bücher aus öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen, was die bemerkenswerte Reichweite und Wirkung der Initiative verdeutlicht.
Patientenbibliotheken
Krankenhäuser verfügen schon seit Jahrhunderten über Bibliotheken. Mittlerweile bieten zahlreiche Bibliotheken in französischen Krankenhäusern eine Auswahl an Büchern an, die das emotionale Wohlbefinden fördern, und stellen den Patienten sorgfältig ausgewähltes Lesematerial zur Verfügung, das neben der herkömmlichen medizinischen Behandlung ihre Genesung unterstützen soll. Eine Krankenhausbibliothek in Lille bietet Bücher und Gruppenaktivitäten wie „Story Time“ in der Pädiatrie, „Lesen und Reden“ in der Geriatrie und „Belletristik lesen“ an, um in der Psychiatrie einen emotionalen Dialog anzuregen.
Einer Patientin, die bei einem schweren Autounfall verletzt worden war, halfen eine Reihe von Romanen, nachdem ihr Arzt ihr eine Liste verschrieben hatte, auf der unter anderem „Choses Dont Je Me Souviens“ (oder „Dinge, an die ich mich erinnere“) von Natsume Soseki stand – eine Geschichte über die Flucht vor dem Tod. „Ich habe nicht dank eines Romans wieder angefangen zu laufen“, sagt sie. „Aber bestimmte Figuren haben mir Kraft gegeben. Sie haben mir gezeigt, dass man sich von allem erholen kann.“
Folgen Sie den Beweisen
Die wissenschaftlichen Belege für das Lesen als Therapieform häufen sich weiter: Studien zeigen, dass Bibliotherapie bei der Behandlung von Depressionen, Angstzuständen, PTBS und Essstörungen wirksam ist und sogar das Demenzrisiko bei älteren Menschen senken kann. Da die Gesundheitssysteme weltweit zunehmendem Druck und langen Wartelisten für psychologische Behandlungen ausgesetzt sind, bieten gedruckte Bücher eine leicht zugängliche und kostengünstige Behandlungsmethode, die Patienten eigenständig oder ergänzend zu einer herkömmlichen Therapie nutzen können.
Zwar bietet das eigenständige Lesen von Büchern unbegrenzte Möglichkeiten der geistigen Anregung und des Vergnügens, doch spiegelt das Wiederaufleben der Bibliotherapie die wachsende Erkenntnis wider, dass in unserer zunehmend vernetzten Welt der einfache Akt des Lesens ein wirkungsvolles Heilmittel sein kann.
Weitere Informationen zum „Reading Well“-Programm finden Sie unter bit.ly/Reading-Well-Programme
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